Zur spielerischen Topform gehört auch eine Topernährung. Seit 2017 ist Sternekoch Anton Schmaus für das leibliche Wohn der deutschen Nationalmannschaft zuständig.
Seit Februar war er damit beschäftigt, seinen Speiseplan auszutüfteln, sich über Zutatenbeschaffung und Lieferanten Gedanken zu machen. Erschwert wurde das durch andere Gebräuche und Regelungen beim Gastgeber Russland. Für bestimmte Lebensmittel herrscht Einfuhrverbot, und Schmaus und sein Team mussten noch kreativer als sonst werden.
Abstrich an der Ernährung, der Frische und vor allem dem Nährwert macht der Sternekoch dennoch nicht, auch wenn seine Spieler in den nächsten Wochen unter anderem auf Parmesan verzichten müssen.
Tierisches Eiweiß, Kohlenhydrate und frisches Gemüse sind die Hauptbestandteile seiner Menüs, und seit Anbruch seiner Herrschaft in der Küche werden vor dem Spiel Pasta, Milchreis und Grießbrei serviert, auch in Russland.
Die Profis sind inzwischen längst daran gewöhnt, dass ihr Diätplan genauso sorgfältig analysiert wird wie jeder andere Bestandteil ihres Regimes, und dass Ernährungsphysiologen genau wie Physiotherapeuten einen Platz im Team haben. Man möchte sicherstellen, dass die Nationalelf beste Voraussetzungen hat, den Weltmeisterschaftstitel zu verteidigen und erneut als Sieger der WM 2018 hervorzugehen.
Vor allem auf die Kohlenhydrate wird geachtet. Zwar legen Kicker den größten Teil des Spiels in gemäßigtem Tempo von rund zehn Stundenkilometern zurück, doch müssen sie zwischendurch immer wieder blitzschnelle Sprints einlegen, in denen etliche Spieler locker auf über 30 Km/h kommen. Das leert die Glykogenspeicher in den Muskeln, die für Energie zuständig sind. Mögliche Folgen für den Fußballer sind ein langsameres Tempo, weniger Konzentration und Müdigkeit. Spitzensport ist Schwerstarbeit für den Körper, und Sportwissenschaften empfehlen 2400 bis 3000 Kalorien allein an Kohlehydraten. Dazu gehören Vollkornpasta, aber auch Reis, Quinoa und Hirsesalate.
Holger Stromberg, der bis zum vergangenen Jahr Küchenchef der Nationalelf war, legte zudem Wert auf die richtigen Gewürze. Fenchel, Koriander und Anis sind beruhigend und magenschonend. Nicht auf den Tisch vor einem Spiel kamen bei ihm schwerverdauliches Obst und Gemüse wie Gurke und Melone oder auch rohe Paprika, weil diese den Magen reizen kann. Stattdessen servierte er basische Gerichte mit komplexen Kohlenhydraten.
Das gilt allerdings nicht für Manuel Neuer, Marc-Andre ter Stegen und Kevin Trapp. Für die Torhüter kommt es weniger auf Muskelausdauer als auf Reaktionsschnelligkeit und Konzentration an. Ihr Menü enthält daher weniger Kohlenhydrate und mehr Eiweiß als die Feldspieler bekommen.
Die Flüssigkeitszufuhr ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Mindestens drei Liter sollten die Kicker vor dem Anpfiff getrunken haben, in erster Linie Wasser.
Stromberg setzte zu seiner Zeit als Nationalmannschaftskoch auch auf Gingkotee, den er und seine Helfer vor jedem Spiel servierten. Der sollte die Durchblutung auch im Gehirn anregen und die Spieler fitter und wacher machen. Der Titelgewinn in Brasilien sprach für den Erfolg dieser Strategie.
Wieviel Leistungssteigerung sich mit ausgewogener Ernährung und dem richtigen Maß an Kalorien bei den Spielern tatsächlich herausholen lässt, ist schwer zu sagen, aber Sport- und Ernährungswissenschaftler sind bereits seit Jahren damit beschäftigt, immer noch mehr darüber herauszufinden, was die optimale Energiezufuhr für die Hochleistungsathleten darstellt. Dazu gehört auch, für etwaige Verlängerungen vorzusorgen. Schließlich soll den Kickern nicht in der 91. Minute die Puste ausgehen.
Die alte Riege der Kicker würde sich arg umstellen müssen, um sich an den neuen Gaumenschmaus zu gewöhnen. Die Zeiten von Hans-Georg Danker, der den Spielern deftige Hausmannskost servierte, sind vorbei – obwohl das von Sepp Maier geliebte fettige Eisbein dem Koch sogar eine Einladung zur Ehrenrunde nach dem Weltmeisterschaftssieg 1974 eintrug. Doch auch der neue Speiseplan soll die Spieler motivieren und nach der dramatischen Vorrundenniederlage dazu beitragen, dass Löws Elf hoffentlich an die guten Tage anschließen kann.

